Inkognito durch Kiew mit Vitali Klitschko

Florian Lamp
30.01.2014
Vitali Klitschko, Boxweltmeister und zukünftiger Präsident der Ukraine (Bild stammt von Wikimedia Commons)

Vitali Klitschko

 

Es ist nicht ganz einfach, gerade in diesen Tagen, ein Interview mit Vitali Klitschko zu bekommen. Ständig hängt ein ganzer Pulk von Leibwächtern, BILD-Reportern und Anhängern wie ein Rattenschwanz an ihm, immerzu droht eine Attacke von schwer bewaffneten Sicherheitspolizisten im He-Man-Look, wer Freund ist, und wer Feind, das scheint nicht ganz klar, wenn man normale Ukrainer sieht, auf die von der Polizei eingeprügelt wird und an der nächsten Straßenecke dann Rechtsradikale Schlägertrupps beim lustigen Haudraufspiel mit eingekesselten Polizisten sieht. Vitali Klitschko, das steht fest, muss für unser Gespräch, getarnt sein.

 

In meinem Handgepäck verstaue ich deshalb falsche Bärte (von Hitler über Stalin bis Lenin und Dschinghis Khan) sowie eine naturkrause mittelblonde Perücke sowie eine Fake-Glatze.An unserem Treffpunkt auf dem Majdan angelangt, warte ich keine 5 Minuten, bis Vitali vor mir steht, seinen Bruder Wladimir im Schlepptau. Beide 2 Meter irgendwas groß, gutaussehend, leicht erkältet, rote Nasen. Kurzer Plausch mit den Securitys, man leitet uns drei zu einem nahen Hotel, wir steigen zu dritt in einen Aufzug, siebter Stock, Wladimir zieht den Nothalt, wir halten zwischen der dritten und der vierten Etage.

 

Schnell wie im Ring entscheidet sich Vitali für seine Tarnung, den Leninbart und die falsche Glatze; beides bringe ich fachmännisch an. Aus dem Spiegel schaut uns ein völlig veränderter Mensch an – es gibt nur ein Problem, wenn wir beide so auf die Straße gehen. Selbst in der Ukraine sind mehr als zwei Meter Körpergröße nicht gerade die Regel. Was tun? Wladimir ist beim Überlegen auch keine große Hilfe, er schaut ratlos und vertilgt eine Milchschnitte nach der anderen, während Vitali sein Gesicht in Falten legt, um bei mir den Anschein zu erwecken, er denke angestrengt nach.

 

Lee-Strassberg-Seminar in New York, Intensivkurs „Nachdenklich gucken“, Basiskurs. Ich überlege, hier alles abzubrechen, mich mit Vitali in ein Hotelzimmer zurückzuziehen und eine 0815-Geschichte draus zu machen, als mir ein Gedankenblitz durchs Kleinhirn schießt: „Zwerge sind unauffälliger als Riesen!“ Vitali hat zwar schon länger keinen Kampf mehr bestritten, aber dennoch ist er noch topfit dank täglichen Trainings, Seilspringen und dem ganzen Gedöns. Seine Beine sind gut, er kann sich drehen und wenden, seine Gelenke sind perfekt und wirklich, er kann sich verknoten wie ein Gummimensch aus dem chinesischen Staatszirkus. Mit mehreren Seemannsknoten binde ich Vitalis eingeknickte Unter- an die Oberschenkel und sorge gleichzeitig mit Hilfe einer komplizierten Schuhriemenverschließtechnik (Der Stuntebeck’sche Knoten) dafür, dass seine Knie gut in den Winterstiefeln halten.

 

Anfangs noch etwas wackelig, aber dann immer geübter läuft Vitali auf seinen Knien. „Lassen Sie uns rausgehen, Herr Cornelius!“ Die Tarnung funktioniert perfekt, langsam schlendern der jetzt nur noch 1,75 große Vitali und ich durch die Fußgängerzone von Kiew, den Andreas-Steig, schauen uns bei Foot Locker ein paar Boxhandschuhe an, lauschen mehrere Minuten einem gestrandeten Straßensänger mit Wursthaaren, der eine wunderbare Version von Nirvanas „Smells like Teen Spirit“ im Reggae-Rhythmus zum Besten gibt und als Dank von Vitali einen McFit-Gutschein in den Hut geworfen bekommt und trinken einen Kaffee Ukraina (eine Spezialität aus in Sotschi angebauten Kaffeebohnen, der mit einem Schuss Wodka und einer Hand voll Schnee aufgeschäumt wird) im über alle Landesgrenzen hinaus bekannten Kaffeehaus Холодний Хунд, was so viel wie „Kalter Hund“ bedeutet.

 

Vitali erzählt viel über die rauen Tage auf dem Majdan, die Person Jaunkowitsch, lästert ein wenig über seine Mitkämpfer aus dem rechtsradikalen Politikbetrieb, bittet mich aber, in meiner Reportage nichts weiter dazu zu sagen, denn er plane, diese Leute nach dem Sieg bei der Revolution einem nach dem anderen („für die Frauen werde ich Regina Hallmich engagieren“) im Ring auszuknocken. Schließlich, der geschmolzene Schnee hat in unseren Kaffeetassen einen Satz aus verbrannten Autoreifen und Barrikaden hinterlassen, bittet er mich zum Aufbruch, denn er wolle mir doch noch so gerne ein ganz besonderes Gemälde zeigen, dass bei ihm großen Eindruck hinterlassen habe und das ihm Mut spende, wenn er sich mal wieder den Allerwertesten abfriere, um sein Land zu retten.

 

Der Weg führt zurück Richtung Majdan ins „Nationale Museum für Kunst der Ukraine“. Zielstrebig meistert Vitali Klitschko auf seinen Knien den Weg über die steilen Marmortreppen hinauf in den siebten Stock, biegt mehrmals ab und dann ist es so weit: ein großer Raum, hell illuminiert von einem prächtigen Kronleuchter, Spotlights auf ein einziges Gemälde, das allein an einer weißen Wand hängt, gleichzeitig Verlorenheit wie Zusammengehörigkeitsgefühl ausdrückt, einen zukunftsfreudigen wie auch desillusionierten Blick innehat und zwei Personen in schwarzem Ornat zeigt.

 

Vitali Klitschko hält inne, beinahe habe ich den Eindruck, er wolle auf die Knie fallen, was er ja rein technisch schon tut. Ich vergesse zu atmen, beobachte, wie er näher ans Bild kriecht, sich verneigt und dann zu mir umdreht: „Sie müssen wissen, Herr Cornelius, dass dieses Gemälde vom ukrainischen Goya stammt, TOMMY ist sein Künstlername – mit vollem Namen heißt er Dmitri Tommyschenko. Jetzt werden Sie sagen, warum ist das Bild so wichtig für mich? Das ist ganz einfach, denn für dieses Bild standen meine Eltern Model an der Kunsthochschule in Charkiw, als mein Vater noch nicht für die Armee gearbeitet hat. Meine Eltern waren jung und brauchten die Rubel, aber sie haben nicht ihren Stolz verloren. Erst nach Protest meines Vaters gegen die Ringrichterentsch … gegen die fertiggestellte Arbeit von TOMMY wurden die schwarzen Kleider aufgemalt. Und jetzt hängt es hier als Symbol für die Eintracht der Ukraine …“

 

Vitali verdrückt sich eine Träne, während ich ergriffen den Boxweltmeister und zukünftigen Präsidenten der Ukraine in den Arm nehme und anschließend huckepack zurück auf den Majdan trage.

 

Sensationell: Präsidentschaftskandidat outet sich als Nagetier!

Florian Lamp
10.10.2011
Bald größter Nager seit Micky Maus? Mitt Romney.

Skurrile Nachrichten erreichen den GROSSKONZERN aus den USA. Auf der Webseite "Official Wire" verkündet der Präsidentschaftskandidat Mitt Romney in einem sprachlich einwandfrei "Romney Rivals Mai Nach Ihn Für Flip-Flops Go" betitelten Artikel, dass er nicht nur ein Mormone, sondern gar ein Nagetier sei.

Hier das Originalzitat: "Ich war schon immer ein Nagetier und Kaninchen. Jäger, kleine Schädlinge, wenn man so will," Romney erklärte später. McCain stieß bei ihm schwankend über Einwanderung, auch. "Vielleicht ist seine Lösung werden, um aus seinem kleinen varmint Pistole und fahren die Guatemalteken seinen Rasen", sagte McCain sarkastisch, nachdem es bekannt wurde, dass mehrere illegale Einwanderer, darunter mindestens eines aus Guatemala, bei der Rasenpflege Unternehmen, das Romney ist eher gearbeitet Eigentum in einem Vorort von Boston für ein Jahrzehnt."

Dem ist nichts hinzuzufügen! Der GROSSKONZERN freut sich, dass es nun endlich raus ist.

 

Amerikas lustige Gesellen nagen an Kabeln

Florian Lamp
10.08.2011
Die US-Army bei einer Freizeitbeschäftigung (Quelle: Der Blog von Fred Lawler)

Laut Blogger Fred Lawler, dem Senior Vice President of Global Field Services beim Telekommunikationsunternehmen Level 3, sind Eichhörnchen an zweiter Stelle, was die Ursache für Netzausfälle angeht. Damit liegen die besten Nager der Welt direkt hinter unvorsichtigen Baggerfahrern.

Hier nun einige Anmerkungen zu dieser Aussage:

1. Lawler spricht von Squirrels, also Eichhörnchen, meint damit aber wohl eindeutig Grauhörnchen. Und da sollte man dann doch auch eindeutig drauf hinweisen, denn zwischen Eichhörnchen und den bösen Grauhörnchen amerikanischer Herkunft besteht doch ein eindeutiger Unterschied. Fragen Sie hierzu doch einfach mal unseren Herausgeber Jan Neersö. Der kann dazu einiges erzählen.

2. Der Vergleich zwischen Eichhörnchen (selbst, wenn es eigentlich Grauhörnchen sind) und Baggerfahrern hinkt! Oder haben Sie schon einmal beobachtet, wie ein frecher Baggerfahrer Waldarbeitern das Frühstück stibitzt hat, wie ein Baggerfahrer sich im Park hat füttern lassen und sich dafür mit lustigen Kunststücken bedankt hat oder wie ein Baggerfahrer sich an Fliegenpilzen gelabt hat? Nein? Nicht? Eben drum!

3. Als Fazit bleibt zu sagen: Schluss mit der falschen Eichhörnchen-Hetze bei Spiegel Online!    

Interpretation von Horst RehManns "Die Maus"

Florian Lamp
31.07.2011
Nicht nur als Dichter hoch begabt, sondern auch als Kunstmaler: Horst Rehmann.

 

Horst Rehmanns Meisterwerk „Die Maus“ betört mit einer simplen, aber spannungsgeladenen Geschichte in sieben Strophen. Das gewählte Reimschema ist, ähnlich dem in den ersten beiden Strophen von „Kleine Maus“ von Sabine Brauer verwendeten ein Kreuzreim (ABAB, CDCD, EFEF). Bevor wir uns nun aber Rehmanns Maus widmen, muss vorab noch etwas zum Dichter Horst Rehmann gesagt werden, dessen Œuvre (u. a. sind auf Gedichte-Oase.de 259 Gedichte von ihm zu finden, die bisher 667.879 angeklckt wurden) vergleichbar ist mit den ganz großen Textdichtern unserer Zeit von zeitgenössischen wie Tankred Dorst bis zu den ganz großen Namen wie Friedrich von Goethe oder Peter Novalis.

Gerade hat er einen neuen Lyrikband veröffentlicht mit dem enigmatischen Namen „222 Gedichte“ (beachte, dass ist 666 geteilt durch 3!), das zurecht von ihm mit dem Slogan „Da ist für jeden das passende dabei!“ wirbt und – zitiert aus dem Presstext auf http://www.rehmann-horst.de – das „ein außergewöhnliches Buch mit Satire à la Rehmann [ist]. Wörtlich gute Unterhaltung zu verschiedenen Anlässen und Begebenheiten [bietet]. Schmunzelnde Buchstaben der Wortspielereien und Verse in einem liebevoll gestalteten Gedichtband [beinhaltet]. Durchzogen [ist] mit 18 ausgewählten Aphorismen, die zum Nachdenken anregen. Ein gehöriger Spritzer Humor mischt sich unter. [Man findet] Liebliche Wortküsse und passend zu den Jahreszeiten sortierte Reim-Kompositionen, die auch Ihre Lachmuskeln zum Training einladen. 222 Gedichte wörtlich arrangiert als Schreibspeise, sind gedachte Töne fürs Gemüt. Ein Wortgericht, das jeder mag. Endlich ist das perfekte Geschenk für jede Gelegenheit gefunden.“  

Da ist die Zielgruppe natürlich klar definiert: „222 Gedichte - da ist für jeden das passende dabei! Gönnen Sie sich vergnügliche Stunden mit guter, literarischer Unterhaltung und denken Sie beim nächsten Anlass, wie z.B. Geburtstag, Hochzeit, Silvester, Ostern, Weihnachten, an das Buch: 222 Gedichte. Ein besonderes Mitbringsel und ein Geheimtipp am Lyrikmarkt, das nicht nur Ihren Geldbeutel erfreut, sondern Herzen schmunzeln lässt.

Doch nun zurück zum Gedicht „Die Maus“. Rehmanns Ansatz, die Geschichte seiner Maus zu erzählen, ist als typisch männlich einzustufen. Gefühlsduselei der Braueresken Art lehnt Rehmann ab, er ist prosaisch, pragmatisch, problemorientiert. Nie käme ihm in den Sinn, bei der Entdeckung einer Maus auf seiner Schrankwand in Dialog mit Gott zu treten. Ein Rehmann und sein literarisches Alter Ego greifen nach dem Fund einer Maus im Keller (Strophe 1), die es wagt, über „Schrank, Regal und Stangen“ zu rennen, zum nahe liegendsten Werkzeug, zu Nachbars Katze, um eben den Nager-Störenfried zu „fangen“.

Das Werkzeug „Katze“ (Strophe 2) eignet sich besonders gut fürs Unternehmen Rehmanns, denn „sie kennt sich aus mit dem Getier und fangen kann sie auch nicht schlecht“ und „soll deshelb schnell mal helfen hier.

Doch, oh graus, was muss unser Praktiker RehMann in Strophe 3 erkennen?! Die in den „Kellerraum“ gesperrte Katze sorgt für atonales „Gepolter und Gejammer“ und nach Überprüfung des „Jagderfolges“ stellt er fest: „Mein Keller gleicht ‘ner Rumpelkammer.“ Alles vorher sorgfältig geordnete Werkzeug, alle Stangen, Regale und Schränke sind zerstört, aus dem Leim, zerhackt und zerbeult. Ein Trümmerfeld. Sabine Brauner würde angesichts des Szenarios in Strophe 4 (die Katze verschwindet wie der Blitz, alles Chaos) und einer wirklich bösartigen Maus („die Maus schaut aus ´nem Mauerschlitz, zieht ganz spitzbübisch Grimassen.“) versuchen, dem Nager mit Moral zu kommen, an das Gute im Nagerherzen zu appellieren und dann doch christlich die zweite Wange hinhalten und die Maus, trotz erwiesener Gottlosigkeit, weiter ihr Unheil treiben zu lassen.

So mag eine zarte Seele handeln, aber wie heißt es so schön im Dichterlexikon (Duden Verlag, Darmstadt 2010) über Horst Rehmann und seine Dichtung „Gott vergibt, Rehmann nie.“ Und Strophe 5 zeigt es: Wenn Plan A nicht funktioniert, dann wird eben Plan B umgesetzt. Mund abwischen, weitermachen. Wunde tackern, kopfballspielen, Zähne zusammenbeißen und Gras fressen. Oder um es mit Horst Rehmann sachlich und Däumchen drehend zu sagen: „Bei mir ist die Geduld am Ende, ich stell auf mit Speck ´ne Falle, setz mich nur hin, falte die Hände, lass gescheh´n der Dinge alle.“ Ist das „Händefalten“ hier ein religiöser Akt oder doch viel eher Ausdruck maskuliner Entspanntheit („Lass gescheh’n der Dinge alle“) oder kann man gar beides gleichsetzen? Dies bleibt zunächst offen, wird aber noch gelöst.

Die Lösung in der sechsten Strophe nun ist einerseits onomatopoetisch ausgedrückt „Klick“, andererseits verschärft sie in ihrer Simplizität und der offenen Frage am Schluss auch die Fragen beim Leser: Welche Fragen stellt er sich? Geht es auch hier am Gedichtende um Gott und wie der es sieht, wenn Mann in seinem Keller eine Maus per Falle tötet („gebrochen ist nun ihr Genick“), wird ein Horst Rehman  jetzt auch zur effeminierten Brauner-Poetin? Geht es um Moral? In einem Rehmann-Werk?! Dreht Clint Eastwood Romantische Komödien?!

Umso größer ist die Erleichterung in der Schlussstrophe. Nicht Gott ist das Problem, sondern alleine die prosaische Entsorgung des Mäusekadavers. Ein Rehmann mag ein gefühlloser Killer sein, ein Praktiker des Tötens von Kleinsäugetieren, aber dabei übersieht er in seinem maskulinen Furor, was tun, wenn der Tod da ist? Rehmann weiß es nicht: „Was mach ich mit dem toten Tier, und wo soll ich es entsorgen, ich steh heut völlig ratlos hier.“ Sabine Brauner würde jetzt eine Nagetier-Beerdigung anleiern, sich mit anderen in einem Trauerkreis treffen, beim örtlichen Floristen einen Kranz bestellen, aber was tut ein Horst Rehmann? Oder besser: Was kann ein Horst Rehmann tun?! Die Antwort ist einfach wie die allmorgendliche Rasur: Horst Rehmann tut nichts, er findet keine Hilfe, er sucht keine Hilfe „auch noch Morgen“ nicht, denn als echter Mann macht man Mäusemord mit sich selber aus, schreibt vielleicht noch ein Gedicht darüber und hofft dann darauf, dass dieses dann auf Hochzeiten „an Silvester, Ostern [oder] Weihnachten die Herzen schmunzeln lässt, wenn es in entsprechend festlichem Rahmen vorgetragen wird.

Horst Rehmann, wir ziehen den Hut vor Ihnen. Ich weiß, sie brauchen keine Hilfe, aber wenn die Maus mittlerweile stinkt, dann schmeißen sie sie einfach in irgendeine Mülltonne.

Und hier noch einmal zum Gutfühlen Ihr Gedicht:

Die Maus
In meinem Keller rennt ´ne Maus,
über Schrank, Regal und Stangen,
wenn ich sie seh´, packt mich der Graus,
werd versuchen sie zu fangen.

Des Nachbarn Katze kommt grad´ recht,
sie kennt sich aus mit dem Getier
und fangen kann sie auch nicht schlecht,
soll deshelb schnell mal helfen hier.

Ich sperr sie in den Kellerraum,
hör laut Gepolter und Gejammer,
nach einer Stunde glaub ich´s kaum,
mein Keller gleicht ´ner Rumpelkammer.

Die Katz verschwindet wie der Blitz,
hat nur Chaos hinterlassen,
die Maus schaut aus ´nem Mauerschlitz,
zieht ganz spitzbübisch Grimassen.

Bei mir ist die Geduld am Ende,
ich stell auf mit Speck ´ne Falle,
setz mich nur hin, falte die Hände,
lass gescheh´n der Dinge alle.

Nach einer Weile geht´s laut, klick,
die Maus hängt fest am Kragen,
gebrochen ist nun ihr Genick
- und ich stell mir die Fragen.

Was mach ich mit dem toten Tier,
und wo soll ich es entsorgen,
ich steh heut völlig ratlos hier,
ohne Hilfe - auch noch Morgen.

Der Feind im Graupelz

Florian Lamp
29.07.2011
Böse: Das Grauhörnchen (fotografiert von Sabisteb - wikipedia)

Heute erreichte den GROSSKONZERN die Rezension des aktuellsten Werks zum Thema "Eich- und andere Hörnchen" namens "Das Eichhörnchen" von Stefan Bosch und Peter W. W. Lurz. Autor des nn fogenden Textes ist Jan Neersö, seines Zeichens Herausgeber des Floericke-Standard-Werks "Nagetiere" und großer Eichhornfreud. Für die Gedankengänge Herrn Neersös übernimmt der GROSSKONZERN keinerlei Haftung.

„Sie teilen mit uns Parkanlagen und Gärten und faszinieren durch auffälliges Verhalten“: Doch nicht eine weitere Dokumentation über die Dark-Sachsen des Leipziger Wave-Gotik-Treffens liegt hier vor uns, sondern eine längst überfällige Abhandlung zu einem Tier, das wie kaum ein anderes seit Jahrtausenden den Menschen fasziniert und erfreut – unser rotes Eichhörnchen, eines der „populärsten und beliebtesten Tiere“ unserer Heimat. Mit rationalen Mitteln ist es nicht zu erklären, warum seit über 50 Jahren keine einzige deutschsprachige Monographie über diesen wichtigsten Bewohner unserer Fluren erschienen ist, hingegen ganze Bibliotheken zu Sachen wie Katzen. Diesem Missstand helfen der Naturschützer Stefan Bosch und der international anerkannte Baumhörnchenexperte Peter W. W. Lurz nun eindrucksvoll ab.

Kundig führen sie uns durch Bau und Funktion des Eichhörnchenkörpers, Fortpflanzung und Entwicklung, Verhalten und Ökologie des edlen Tieres. Kritikpunkte an der verständlich geschriebenen, stoffreichen Darstellung sind kaum zu finden. Wichtige Fakten werden an den Anfang gestellt, wo sie hingehören, etwa im Abschnitt „1.1 Eichhörnchen sind Nagetiere“. Als solche gehören sie einer „überaus erfolgreichen Tierordnung“ an, zu deren „entscheidenden Erfolgsfaktoren“ die Nagezähne gehören (S. 14). Umfangreichere Ausführungen zu diesem Themenkomplex bleiben den Autoren aus Platzgründen freilich verwehrt, sodass der interessierte Leser diesbezüglich auf das in seinen Grundzügen bis heute gültige Standardwerk „Nagetiere“ von Kurt Floericke (hg. v. Rezensent, Berlin: Großkonzern 2011, 13 €) verwiesen sei.

Die Fortpflanzung des kleinen Nagers mit all seinen allzu menschlichen Facetten (Imponierlaufen, Übersprungnagen, „vorsichtige Annäherungen nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip“ usw.) wird explizit, aber ästhetisch geschildert und rutscht nie ins Voyeuristisch-Ordinäre ab. Mit Spaltenappetenz, Milchtritt und Pumpsaugen werden wichtige Fixpole in den ersten Lebenstagen der Jungtiere angesprochen. Ab der sechsten Lebenswoche laufen sie, „ohne den Körper am Boden zu schleifen“ (S. 73); hierzu sei nur angemerkt, dass der jämmerliche Feldhamster dies oft sein ganzes Leben lang nicht schafft (Floericke, S. 44).

„Wer versteckt und findet, lebt länger“ (S. 88) – diese Maxime beherrscht das Erwachsenenleben des ulkigen Meisters. Doch auch Abscannen und Freezing (S. 94f.) spielen eine wichtige Rolle beim Überleben. Denn Feinde hat das Eichhörnchen viele: Uhu (lat. Bubo bubo) und Bussard (Buteo buteo) wollen ihm an den Pelz, der Feldhamster (Balla balla) die Frustration über die eigene Inkompetenz an ihm abreagieren. Der grimmige Marder kann das Eichhörnchen sogar „nachts im Kobel überfallen“ (S. 127); übersehen wird an dieser Stelle, dass damit – der Wald ist kein rechtsfreier Raum! – immerhin das Tatbestandsmerkmal der Heimtücke nach § 211 StGB (vulgo: Mord) erfüllt ist.

Dafür wird allerdings endlich mit einem schädlichen alten Mythos aufgeräumt: dass nämlich das Eichhörnchen eine „bedeutende Bedrohung für Singvogelbruten“ (S. 129) darstelle. Solche Behauptungen entlarven die Autoren als vage Mutmaßungen auf höchst unsicherer Datenbasis; „quantitative Angaben fehlen weitgehend“ (ebd.). Vielmehr scheint es ganz umgekehrt zu sein: Asoziale Vögel nutzen den bequemen Kobel als Nest und „profitieren von der Nahrungsbearbeitung durch Eichhörnchen“, durch den Unglücks(!)häher kommt es sogar zur „gezielten Nutzung von Futterdepots der Eichhörnchen“ (S. 130). Als ob dies nicht genug wäre, „reagieren manche Vogelarten mit gezieltem Abwehrverhalten“ (ebd.) – eigentlich kann man das Kind aber auch bei seinem hässlichen Namen nennen: Mobbing.

Im Übrigen bleibt die Schilderung des Alltagslebens jedoch etwas oberflächlich und farblos; die Chance, komplexere, mehrdimensionale Charaktere zu erschaffen, wird vertan. Man erfährt etwa, dass „ein hoher Rang mehr Einsatz und ständige Präsenz vor Ort“ erfordert (S. 105); was jedoch in der Seele eines solchen führenden Hörnchens vor sich geht, seine gewiss doch auch vorhandene Beschäftigung mit den Fragen, was es tun soll, wissen kann, hoffen darf – das wird ausgeblendet. In dieser Hinsicht fällt das Buch hinter ältere Arbeiten (insb. Floericke) zurück. Folgerichtig wird der freie Wille als Triebfeder hörnlichen Verhaltens unterschätzt und nach äußeren Gründen gesucht, wo doch eigentlich die schlechthin innerliche Entscheidung den Ausschlag gibt: „Manche Individuen verzögern das Aufstehen um ein bis zwei Stunden, ohne dass dafür immer Gründe erkennbar sind“ (S. 100) – vielleicht, dies nur als Anregung, braucht das Hörnchen dafür ja auch gar keine?

Zusammenfassend wird festgestellt: Eichhörnchen sind „von großem Nutzwert“, „gestalten Lebensräume“, treiben nach Waldkatastrophen „aktiv die Sukzession voran“ (S. 143). Damit könnte es allerdings bald vorbei sein – denn eine graue Gefahr droht, das populäre und beliebte Nagetier völlig zu vernichten. Die Rede ist von „Hörnchenarten am falschen Ort“ (S. 23), genauer: vom brutalen, gefräßigen Grauhörnchen.

Welche fixe Idee 1876 einen gewissen Mister Brocklehurst dazu brachte, die ersten Grauhörnchen Europas im englischen Cheshire auszusetzen (S. 25), wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass das britische Telefonbuch im Internet dort heute noch ca. 60 Brocklehursts samt Wohnadresse und Routenplaner nachweist – vielleicht eine schöne Idee für Eichhörnchenfreunde aller europäischen Nationen, die mit den Nachkommen einmal persönlich „diskutieren“ möchten. Wie jedenfalls für ein oft so überfordertes Land (Elfmeterschießen!) nicht anders zu erwarten, gewann „die neue Art“ mit ihrem dankenswert einfach zu berechnenden Verhalten „schnell viele Freunde“ (ebd.) und breitete sich auf Kosten des Eichhörnchens rasant aus. In Italien ereignete sich Ähnliches, sodass sich das heimische Hörnchen seitdem in einem Zweifrontenkrieg gefangen sieht. Einem Krieg freilich, der mit sehr ungleichen Waffen geführt wird: Gegen die vom Grauhörnchen ins Felde geführten Hörnchenpockenviren hat das Eichhörnchen keine Chance, wie die Schreckensbilder auf S. 139 drastisch belegen.

Auf diese Zustände in aller Deutlichkeit aufmerksam zu machen, ist vielleicht das größte Verdienst dieses wichtigen Buches – doch gleichzeitig liegt hier auch seine größte Schwäche. Denn umso unverständlicher ist es, dass die Autoren vor den gebotenen Schlussfolgerungen zurückschrecken. „Wäre es ethisch zu rechtfertigen, für den Schutz britischer Eichhörnchen Millionen Grauhörnchen zu töten, sobald das mit entsprechenden Methoden möglich wird?“ (S. 8) – diese Frage bleibt unbeantwortet im Raume stehen, da die Autoren eine „breite, mitunter auch sehr emotionale Diskussion“ (ebd.) für nötig erachten. Der Rezensent war jedoch nachweislich in der Lage, durch konzentriertes, intensives Nachdenken auch ohne eine solche langwierige Diskussion innerhalb weniger Minuten zu einer völlig angemessenen Antwort zu gelangen. Ähnliches sollte bei mäßiger Gewissensanspannung auch anderen Lesern, ggf. bei geringfügig höherem Zeitaufwand, möglich sein.

Die Argumente zur Wiederholung: Grauhörnchen sind dümmer als Eichhörnchen (Ableitung aus S. 106). Grauhörnchen lassen die auf dem heutigen Arbeitsmarkt nötige Bereitschaft zur räumlichen Mobilität vermissen und kommen mit Umzügen schlecht zurecht (30 % Morbidität nach Versetzung, S. 116). Grauhörnchen nehmen Eichhörnchen das Essen weg. Grauhörnchen stinken. Grauhörnchen haben gegenüber Eichhörnchen nicht zuletzt einen 40–50 % höheren Energieverbrauch (S. 58) – ein Nachteil, den man angesichts wachsender globaler Ressourcenknappheit nicht leichtfertig beiseite wischen darf und der anerkannten Schlagworten wie „Kioto-Protokoll“ oder „Smart Efficiency“ glatt zuwiderläuft.

Eine gangbare und schnell umsetzbare Alternative könnte lauten: Erstens flächendeckende Lebendfangstrategie unter Beköderung mit vom Grauhörnchen bevorzugtem Fertigfraß wie Hollo-Bollo oder Chicken McNuggets. Zweitens hörnchensichere Einfriedung der Wohngrundstücke aller Brocklehursts und Verbringung der Fangstücke in die so entstehenden Großvolièren auf Kosten der Empfänger. Drittens Kontrollen in den „Vernetzungselementen der Landschaft“ (S. 115), um die Ausbreitung verbleibender Grauhörnchen zu unterbinden. Eichhörnchen dürfen weiter passieren; wo erforderlich, sind für sie neue, vorzugsweise breitbandige Vernetzungselemente zu schaffen. Modular statt linear heißt auch hier das Zauberwort. Vorbild ist die Stadt Zürich, wo Eichhörnchen „vom Wald aus die Innenstadt beinahe von Baumkrone zu Baumkrone springend erreichen“ (S. 118), was die Lebensqualität enorm steigert. Schließlich muss eine letzte Maßnahme lauten: Ansetzen beim Aussetzen. § 40 Abs. 6 BNatSchG ist so zu novellieren, dass durch die zuständige Behörde beim Ausbringen von Grauhörnchen nicht mehr „eine Beseitigung durch den Verursacher“ (S. 147), sondern eine Beseitigung des Verursachers angeordnet wird.

Da diese naheliegenden Schlüsse nicht gezogen werden, bleibt das Buch in der Summe eine zwar noch nicht exzellente, aber durchaus hervorragende Arbeit. Ohne Frage ist es eine Pflichtlektüre für alle Hörnchenfreunde, die – etwa neben der Arbeit mit Floerickes „Nagetieren“, die sich als Grundlage ohnehin empfiehlt – mehr über unseren rotbraunen Freund und Verbündeten erfahren möchten. Es bleibt zu hoffen, dass als Nächstes der Feldhamster eine ähnlich gerechte Behandlung erfährt.

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