Der Feind im Graupelz

Florian Lamp
29.07.2011
Böse: Das Grauhörnchen (fotografiert von Sabisteb - wikipedia)

Heute erreichte den GROSSKONZERN die Rezension des aktuellsten Werks zum Thema "Eich- und andere Hörnchen" namens "Das Eichhörnchen" von Stefan Bosch und Peter W. W. Lurz. Autor des nn fogenden Textes ist Jan Neersö, seines Zeichens Herausgeber des Floericke-Standard-Werks "Nagetiere" und großer Eichhornfreud. Für die Gedankengänge Herrn Neersös übernimmt der GROSSKONZERN keinerlei Haftung.

„Sie teilen mit uns Parkanlagen und Gärten und faszinieren durch auffälliges Verhalten“: Doch nicht eine weitere Dokumentation über die Dark-Sachsen des Leipziger Wave-Gotik-Treffens liegt hier vor uns, sondern eine längst überfällige Abhandlung zu einem Tier, das wie kaum ein anderes seit Jahrtausenden den Menschen fasziniert und erfreut – unser rotes Eichhörnchen, eines der „populärsten und beliebtesten Tiere“ unserer Heimat. Mit rationalen Mitteln ist es nicht zu erklären, warum seit über 50 Jahren keine einzige deutschsprachige Monographie über diesen wichtigsten Bewohner unserer Fluren erschienen ist, hingegen ganze Bibliotheken zu Sachen wie Katzen. Diesem Missstand helfen der Naturschützer Stefan Bosch und der international anerkannte Baumhörnchenexperte Peter W. W. Lurz nun eindrucksvoll ab.

Kundig führen sie uns durch Bau und Funktion des Eichhörnchenkörpers, Fortpflanzung und Entwicklung, Verhalten und Ökologie des edlen Tieres. Kritikpunkte an der verständlich geschriebenen, stoffreichen Darstellung sind kaum zu finden. Wichtige Fakten werden an den Anfang gestellt, wo sie hingehören, etwa im Abschnitt „1.1 Eichhörnchen sind Nagetiere“. Als solche gehören sie einer „überaus erfolgreichen Tierordnung“ an, zu deren „entscheidenden Erfolgsfaktoren“ die Nagezähne gehören (S. 14). Umfangreichere Ausführungen zu diesem Themenkomplex bleiben den Autoren aus Platzgründen freilich verwehrt, sodass der interessierte Leser diesbezüglich auf das in seinen Grundzügen bis heute gültige Standardwerk „Nagetiere“ von Kurt Floericke (hg. v. Rezensent, Berlin: Großkonzern 2011, 13 €) verwiesen sei.

Die Fortpflanzung des kleinen Nagers mit all seinen allzu menschlichen Facetten (Imponierlaufen, Übersprungnagen, „vorsichtige Annäherungen nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip“ usw.) wird explizit, aber ästhetisch geschildert und rutscht nie ins Voyeuristisch-Ordinäre ab. Mit Spaltenappetenz, Milchtritt und Pumpsaugen werden wichtige Fixpole in den ersten Lebenstagen der Jungtiere angesprochen. Ab der sechsten Lebenswoche laufen sie, „ohne den Körper am Boden zu schleifen“ (S. 73); hierzu sei nur angemerkt, dass der jämmerliche Feldhamster dies oft sein ganzes Leben lang nicht schafft (Floericke, S. 44).

„Wer versteckt und findet, lebt länger“ (S. 88) – diese Maxime beherrscht das Erwachsenenleben des ulkigen Meisters. Doch auch Abscannen und Freezing (S. 94f.) spielen eine wichtige Rolle beim Überleben. Denn Feinde hat das Eichhörnchen viele: Uhu (lat. Bubo bubo) und Bussard (Buteo buteo) wollen ihm an den Pelz, der Feldhamster (Balla balla) die Frustration über die eigene Inkompetenz an ihm abreagieren. Der grimmige Marder kann das Eichhörnchen sogar „nachts im Kobel überfallen“ (S. 127); übersehen wird an dieser Stelle, dass damit – der Wald ist kein rechtsfreier Raum! – immerhin das Tatbestandsmerkmal der Heimtücke nach § 211 StGB (vulgo: Mord) erfüllt ist.

Dafür wird allerdings endlich mit einem schädlichen alten Mythos aufgeräumt: dass nämlich das Eichhörnchen eine „bedeutende Bedrohung für Singvogelbruten“ (S. 129) darstelle. Solche Behauptungen entlarven die Autoren als vage Mutmaßungen auf höchst unsicherer Datenbasis; „quantitative Angaben fehlen weitgehend“ (ebd.). Vielmehr scheint es ganz umgekehrt zu sein: Asoziale Vögel nutzen den bequemen Kobel als Nest und „profitieren von der Nahrungsbearbeitung durch Eichhörnchen“, durch den Unglücks(!)häher kommt es sogar zur „gezielten Nutzung von Futterdepots der Eichhörnchen“ (S. 130). Als ob dies nicht genug wäre, „reagieren manche Vogelarten mit gezieltem Abwehrverhalten“ (ebd.) – eigentlich kann man das Kind aber auch bei seinem hässlichen Namen nennen: Mobbing.

Im Übrigen bleibt die Schilderung des Alltagslebens jedoch etwas oberflächlich und farblos; die Chance, komplexere, mehrdimensionale Charaktere zu erschaffen, wird vertan. Man erfährt etwa, dass „ein hoher Rang mehr Einsatz und ständige Präsenz vor Ort“ erfordert (S. 105); was jedoch in der Seele eines solchen führenden Hörnchens vor sich geht, seine gewiss doch auch vorhandene Beschäftigung mit den Fragen, was es tun soll, wissen kann, hoffen darf – das wird ausgeblendet. In dieser Hinsicht fällt das Buch hinter ältere Arbeiten (insb. Floericke) zurück. Folgerichtig wird der freie Wille als Triebfeder hörnlichen Verhaltens unterschätzt und nach äußeren Gründen gesucht, wo doch eigentlich die schlechthin innerliche Entscheidung den Ausschlag gibt: „Manche Individuen verzögern das Aufstehen um ein bis zwei Stunden, ohne dass dafür immer Gründe erkennbar sind“ (S. 100) – vielleicht, dies nur als Anregung, braucht das Hörnchen dafür ja auch gar keine?

Zusammenfassend wird festgestellt: Eichhörnchen sind „von großem Nutzwert“, „gestalten Lebensräume“, treiben nach Waldkatastrophen „aktiv die Sukzession voran“ (S. 143). Damit könnte es allerdings bald vorbei sein – denn eine graue Gefahr droht, das populäre und beliebte Nagetier völlig zu vernichten. Die Rede ist von „Hörnchenarten am falschen Ort“ (S. 23), genauer: vom brutalen, gefräßigen Grauhörnchen.

Welche fixe Idee 1876 einen gewissen Mister Brocklehurst dazu brachte, die ersten Grauhörnchen Europas im englischen Cheshire auszusetzen (S. 25), wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass das britische Telefonbuch im Internet dort heute noch ca. 60 Brocklehursts samt Wohnadresse und Routenplaner nachweist – vielleicht eine schöne Idee für Eichhörnchenfreunde aller europäischen Nationen, die mit den Nachkommen einmal persönlich „diskutieren“ möchten. Wie jedenfalls für ein oft so überfordertes Land (Elfmeterschießen!) nicht anders zu erwarten, gewann „die neue Art“ mit ihrem dankenswert einfach zu berechnenden Verhalten „schnell viele Freunde“ (ebd.) und breitete sich auf Kosten des Eichhörnchens rasant aus. In Italien ereignete sich Ähnliches, sodass sich das heimische Hörnchen seitdem in einem Zweifrontenkrieg gefangen sieht. Einem Krieg freilich, der mit sehr ungleichen Waffen geführt wird: Gegen die vom Grauhörnchen ins Felde geführten Hörnchenpockenviren hat das Eichhörnchen keine Chance, wie die Schreckensbilder auf S. 139 drastisch belegen.

Auf diese Zustände in aller Deutlichkeit aufmerksam zu machen, ist vielleicht das größte Verdienst dieses wichtigen Buches – doch gleichzeitig liegt hier auch seine größte Schwäche. Denn umso unverständlicher ist es, dass die Autoren vor den gebotenen Schlussfolgerungen zurückschrecken. „Wäre es ethisch zu rechtfertigen, für den Schutz britischer Eichhörnchen Millionen Grauhörnchen zu töten, sobald das mit entsprechenden Methoden möglich wird?“ (S. 8) – diese Frage bleibt unbeantwortet im Raume stehen, da die Autoren eine „breite, mitunter auch sehr emotionale Diskussion“ (ebd.) für nötig erachten. Der Rezensent war jedoch nachweislich in der Lage, durch konzentriertes, intensives Nachdenken auch ohne eine solche langwierige Diskussion innerhalb weniger Minuten zu einer völlig angemessenen Antwort zu gelangen. Ähnliches sollte bei mäßiger Gewissensanspannung auch anderen Lesern, ggf. bei geringfügig höherem Zeitaufwand, möglich sein.

Die Argumente zur Wiederholung: Grauhörnchen sind dümmer als Eichhörnchen (Ableitung aus S. 106). Grauhörnchen lassen die auf dem heutigen Arbeitsmarkt nötige Bereitschaft zur räumlichen Mobilität vermissen und kommen mit Umzügen schlecht zurecht (30 % Morbidität nach Versetzung, S. 116). Grauhörnchen nehmen Eichhörnchen das Essen weg. Grauhörnchen stinken. Grauhörnchen haben gegenüber Eichhörnchen nicht zuletzt einen 40–50 % höheren Energieverbrauch (S. 58) – ein Nachteil, den man angesichts wachsender globaler Ressourcenknappheit nicht leichtfertig beiseite wischen darf und der anerkannten Schlagworten wie „Kioto-Protokoll“ oder „Smart Efficiency“ glatt zuwiderläuft.

Eine gangbare und schnell umsetzbare Alternative könnte lauten: Erstens flächendeckende Lebendfangstrategie unter Beköderung mit vom Grauhörnchen bevorzugtem Fertigfraß wie Hollo-Bollo oder Chicken McNuggets. Zweitens hörnchensichere Einfriedung der Wohngrundstücke aller Brocklehursts und Verbringung der Fangstücke in die so entstehenden Großvolièren auf Kosten der Empfänger. Drittens Kontrollen in den „Vernetzungselementen der Landschaft“ (S. 115), um die Ausbreitung verbleibender Grauhörnchen zu unterbinden. Eichhörnchen dürfen weiter passieren; wo erforderlich, sind für sie neue, vorzugsweise breitbandige Vernetzungselemente zu schaffen. Modular statt linear heißt auch hier das Zauberwort. Vorbild ist die Stadt Zürich, wo Eichhörnchen „vom Wald aus die Innenstadt beinahe von Baumkrone zu Baumkrone springend erreichen“ (S. 118), was die Lebensqualität enorm steigert. Schließlich muss eine letzte Maßnahme lauten: Ansetzen beim Aussetzen. § 40 Abs. 6 BNatSchG ist so zu novellieren, dass durch die zuständige Behörde beim Ausbringen von Grauhörnchen nicht mehr „eine Beseitigung durch den Verursacher“ (S. 147), sondern eine Beseitigung des Verursachers angeordnet wird.

Da diese naheliegenden Schlüsse nicht gezogen werden, bleibt das Buch in der Summe eine zwar noch nicht exzellente, aber durchaus hervorragende Arbeit. Ohne Frage ist es eine Pflichtlektüre für alle Hörnchenfreunde, die – etwa neben der Arbeit mit Floerickes „Nagetieren“, die sich als Grundlage ohnehin empfiehlt – mehr über unseren rotbraunen Freund und Verbündeten erfahren möchten. Es bleibt zu hoffen, dass als Nächstes der Feldhamster eine ähnlich gerechte Behandlung erfährt.

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