Interpretation von Sabine Brauers "Kleine Maus"

Florian Lamp
28.07.2011

 

Das Gedicht „Kleine Maus“ von Sabine Brauer besteht aus 4 Strophen aus jeweils 8 Zeilen, die in den ersten beiden Strophen jeweils einen doppelten Kreuzreim beinhalten (ABAB, CDCD), wohingegen in den zwei letzten Strophen das Reimschema etwas aufgebrochen wird. Das Reimschema ist beliebt, weil es einfach zu benutzen ist und dazu ist es auch gut, denn so kommt es dazu, dass das Gedicht ein „richtiges Gedicht“ ist, weil es sich „reimt“ (vgl. Heldrich Johannes: Ein Gedicht muss sich reimen, sonst ist es keins. Campus Verlag 2007). Inhaltlich beschreibt es das Aufeinandertreffen einer Person (der Dichterin? Oder doch viel mehr einer auktorialen Erzählerin) mit einer Maus auf einem Schrank bzw. präziser ausgedrückt, auf einer Schranktür sowie die daraus bei der auktorialen Erzählerin getroffenen Rückschlüsse und Beziehungspunkte sowie Folgerungen für ihr eigenes Leben.

Schon beim Titel fällt die Verniedlichung des Proletariers unter den Nagern (vgl. Dr. Kurt Floericke: Nagetiere. Grosskonzern Berlin 2011) auf. Es heißt nicht sachlich und zutreffend Maus, sondern "kleine Maus". Das Größenverhältnis zwischen Mensch und Maus (vgl. John Steinbeck: Of mice and men, New York 1937) wird dadurch noch einmal immanent deutlich gemacht. Hier treffen sich nicht zwei Gleiche unter Gleichen, sondern vielmehr metaphorisch gesprochen, ein Riese und ein Zwerg.

Beim ersten Aufeinandertreffen starren sich die beiden Protagonisten lange an, die „kleine Maus“ mit einerseits „blanken Äuglein“ und „erhobenen Pfötchen“, andererseits aber auch durchaus „neckisch zufrieden“. Hat die „kleine Maus“ etwas ausgefressen? Wie sonst könnte die Erzählerin dazu gezwungen sein, die doch eher brutale Drohnung „Gleich schmeiß‘ ich Dich raus!“ zu äußern, nur um im nächsten Moment festzustellen, dass Sie hierzu keinen Weg findet, verzweifelt und auf den Vorreim „so neckisch zufrieden“ passend, wenn auch durchaus kreativ, konstatiert: „Aber wie? Sag‘ mir wie denn?

In der zweiten Strophe spannt sich die Situation nach kurzer Emphase und einem Anfall von Sentimentalität auf Seiten der Erzählerin, weiter an. Worte wie „niedlich“, „Öhrchen“, „süß“, „friedlich“ drücken die Zuneigung der Erzählerin zur „kleinen Maus“ aus, stehen aber im krassen Widerspruch zum nun folgenden Hinweis, dass eine „Falle im Schrank“ lauere, die die Gefahr birgt, zuzuschnappen. Die Erzählerin scheint zwiespältige Gefühle gegenüber der „kleinen Maus“ zu hegen. Einerseits ist sie begeistert von der Niedlichkeit des Objekts „kleine Maus“, andererseits trachtet sie diesem Objekt nach dem Leben, und abermals andererseits befürchtet Sie, sollte die „kleine Maus“ in der Falle sterben, „werd‘ ich krank“ und ermahnt die „kleine Maus“ gar: „Von der Falle im Schrank, da halte dich ferne, schnappt sie zu, wird‘ ich krank. Ich hab Dich zu gerne.“ Um ein kurzes Zwischenfazit zu ziehen: Die Frau weiß nicht, was sie will.

Hier folgt ein stilistischer wie inhaltlicher Bruch, der das Gedicht in zwei Teile spaltet. Haben wir vorher eine Szene zwischen „kleiner Maus“ und Mensch beobachtet, kommt es nun zu einem Blick ins Innere des Menschen. Wir sehen messerscharf skizz- und seziert, wie es in der auktorialen Erzählerin vor Konflikten nur so brodelt und wie die „kleine Maus“ die Ursache für sie ist, über ihr bisheriges Leben Nachzusinnen. Sie stellt Gemeinsamkeiten zwischen sich und der „kleinen Maus“ her („Ich bin wie du oft, wo ich gar nicht sein soll.“ – am Käseregal im Supermarkt? Auf einer Schranktür?; „Probier‘ dumme Sachen aus, und finde sie echt toll.“ – Kümmelkäse? Sex?!?!), stellt dann aber eindeutig klar, dass Sie als Mensch über einen moralischen Kompass verfügt, dass Kümmelkäse „schlecht ist“, „weil es vor Gott, dem Herrn und den Menschen nicht Recht ist.“ – einer Aussage, bei der man ihr durchaus laut Beifall zollen möchte. Dass hierbei Worte seltsam betont werden müssen, damit das Versmaß halbwegs hinhaut, sei geschenkt. Hier geht es nicht um Metrik! Hier geht es um Gott!

Und dieser Gedanke wird in der Konklusion der vierten Strophe noch einmal verstärkt und ausgeführt. Der Mensch ist in der Lage, umzukehren („Ja, dann kehre ich um.“), um Vergebung zu bitten („Herr, vergib‘ mir! Ich war böse und arg und mein Herz war voll Gier.“), Jesus um ein offenes Ohr zu bitten („Hör‘ mich an, Jesus Christ.“), Reue zu empfinden („ich bin voller Reue.“), Dank zu zeigen („und ich sage dir Dank“) „für Deine Liebe und Treue“. Kurz gesagt: Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Dem Tier wird abgesprochen, dass es erkennt, falsch zu handeln und zurück auf den Pfad der Tugend findet, dass es vielleicht einen „Mäusegott“ gibt, der ihm dabei hilft, moralisch zu wachsen, statt sich auf fremder Leute Schranktüren herumzutreiben.

So bleibt das Gedicht an seinem Ende seltsam offen, der Leser ist genauso wie die auktoriale Erzählerin gezwungen, nachzudenken, sich Gedanken zu machen, wie die Konfrontation zwischen Mensch und Maus sich wohl auflösen mag, sein eigenes Tun und Handeln zu reflektieren und daraus Konsequenzen zu ziehen und ähnlich wie die Erzählerin, und vielleicht auch die Dichterin Sabine Brauer selbst, den Herrgott um Verzeihung zu bitten – auch wenn es die Maus nicht interessiert.

Kurt Floericke hätte dieses Werk bestimmt gut gefallen, hatte er doch selbst einen kleinen Nagetier-Zoo in seinem Stuttgarter Domizil (vgl. Dr. Kurt Floericke: Nagetiere. Grosskonzern Berlin 2011).

Morgen das antipodische Gedicht von Horst Fehrmann namens „Die Maus“.

Und hier noch einmal Sabine Brauers Meisterwerk "Kleine Maus

Kleine Maus - ein Gedicht von Sabine Brauer

Kleine Maus auf dem Schrank,
sag, was machst du da oben?
Deine Äuglein so blank,
die Pfötchen erhoben.
Schaust mich an, kleine Maus
so neckisch zufrieden.
Gleich schmeiß´ ich dich raus!
Aber wie? Sag´ mir, wie denn?

Schau nur, wie niedlich
dein Öhrchen du spitzt,
und süß und friedlich
auf der Schranktür du sitzt.
Von der Falle im Schrank,
da halte dich ferne!
Schnappt sie zu, werd´ ich krank
.Ich hab´ dich zu gerne!

Weißt du, ich bin wie du
oft, wo ich gar nicht sein soll.
Probier dumme Sachen aus
und finde sie echt toll.
Doch dann merke ich bald,
was ich tu, dass es schlecht ist,
weil es vor Gott, dem Herrn
und den Menschen nicht Recht ist.

Ja, dann kehre ich um
und ich bitt´: "Herr ,vergib mir!
Ich war böse und arg
und mein Herz war voll Gier.
Hör mich an, Jesus Christ,
ich bin voller Reue,
und ich sage dir Dank
für deine Liebe und Treue!"

 

 

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