Interpretation von Horst RehManns "Die Maus"

Florian Lamp
31.07.2011
Nicht nur als Dichter hoch begabt, sondern auch als Kunstmaler: Horst Rehmann.

 

Horst Rehmanns Meisterwerk „Die Maus“ betört mit einer simplen, aber spannungsgeladenen Geschichte in sieben Strophen. Das gewählte Reimschema ist, ähnlich dem in den ersten beiden Strophen von „Kleine Maus“ von Sabine Brauer verwendeten ein Kreuzreim (ABAB, CDCD, EFEF). Bevor wir uns nun aber Rehmanns Maus widmen, muss vorab noch etwas zum Dichter Horst Rehmann gesagt werden, dessen Œuvre (u. a. sind auf Gedichte-Oase.de 259 Gedichte von ihm zu finden, die bisher 667.879 angeklckt wurden) vergleichbar ist mit den ganz großen Textdichtern unserer Zeit von zeitgenössischen wie Tankred Dorst bis zu den ganz großen Namen wie Friedrich von Goethe oder Peter Novalis.

Gerade hat er einen neuen Lyrikband veröffentlicht mit dem enigmatischen Namen „222 Gedichte“ (beachte, dass ist 666 geteilt durch 3!), das zurecht von ihm mit dem Slogan „Da ist für jeden das passende dabei!“ wirbt und – zitiert aus dem Presstext auf http://www.rehmann-horst.de – das „ein außergewöhnliches Buch mit Satire à la Rehmann [ist]. Wörtlich gute Unterhaltung zu verschiedenen Anlässen und Begebenheiten [bietet]. Schmunzelnde Buchstaben der Wortspielereien und Verse in einem liebevoll gestalteten Gedichtband [beinhaltet]. Durchzogen [ist] mit 18 ausgewählten Aphorismen, die zum Nachdenken anregen. Ein gehöriger Spritzer Humor mischt sich unter. [Man findet] Liebliche Wortküsse und passend zu den Jahreszeiten sortierte Reim-Kompositionen, die auch Ihre Lachmuskeln zum Training einladen. 222 Gedichte wörtlich arrangiert als Schreibspeise, sind gedachte Töne fürs Gemüt. Ein Wortgericht, das jeder mag. Endlich ist das perfekte Geschenk für jede Gelegenheit gefunden.“  

Da ist die Zielgruppe natürlich klar definiert: „222 Gedichte - da ist für jeden das passende dabei! Gönnen Sie sich vergnügliche Stunden mit guter, literarischer Unterhaltung und denken Sie beim nächsten Anlass, wie z.B. Geburtstag, Hochzeit, Silvester, Ostern, Weihnachten, an das Buch: 222 Gedichte. Ein besonderes Mitbringsel und ein Geheimtipp am Lyrikmarkt, das nicht nur Ihren Geldbeutel erfreut, sondern Herzen schmunzeln lässt.

Doch nun zurück zum Gedicht „Die Maus“. Rehmanns Ansatz, die Geschichte seiner Maus zu erzählen, ist als typisch männlich einzustufen. Gefühlsduselei der Braueresken Art lehnt Rehmann ab, er ist prosaisch, pragmatisch, problemorientiert. Nie käme ihm in den Sinn, bei der Entdeckung einer Maus auf seiner Schrankwand in Dialog mit Gott zu treten. Ein Rehmann und sein literarisches Alter Ego greifen nach dem Fund einer Maus im Keller (Strophe 1), die es wagt, über „Schrank, Regal und Stangen“ zu rennen, zum nahe liegendsten Werkzeug, zu Nachbars Katze, um eben den Nager-Störenfried zu „fangen“.

Das Werkzeug „Katze“ (Strophe 2) eignet sich besonders gut fürs Unternehmen Rehmanns, denn „sie kennt sich aus mit dem Getier und fangen kann sie auch nicht schlecht“ und „soll deshelb schnell mal helfen hier.

Doch, oh graus, was muss unser Praktiker RehMann in Strophe 3 erkennen?! Die in den „Kellerraum“ gesperrte Katze sorgt für atonales „Gepolter und Gejammer“ und nach Überprüfung des „Jagderfolges“ stellt er fest: „Mein Keller gleicht ‘ner Rumpelkammer.“ Alles vorher sorgfältig geordnete Werkzeug, alle Stangen, Regale und Schränke sind zerstört, aus dem Leim, zerhackt und zerbeult. Ein Trümmerfeld. Sabine Brauner würde angesichts des Szenarios in Strophe 4 (die Katze verschwindet wie der Blitz, alles Chaos) und einer wirklich bösartigen Maus („die Maus schaut aus ´nem Mauerschlitz, zieht ganz spitzbübisch Grimassen.“) versuchen, dem Nager mit Moral zu kommen, an das Gute im Nagerherzen zu appellieren und dann doch christlich die zweite Wange hinhalten und die Maus, trotz erwiesener Gottlosigkeit, weiter ihr Unheil treiben zu lassen.

So mag eine zarte Seele handeln, aber wie heißt es so schön im Dichterlexikon (Duden Verlag, Darmstadt 2010) über Horst Rehmann und seine Dichtung „Gott vergibt, Rehmann nie.“ Und Strophe 5 zeigt es: Wenn Plan A nicht funktioniert, dann wird eben Plan B umgesetzt. Mund abwischen, weitermachen. Wunde tackern, kopfballspielen, Zähne zusammenbeißen und Gras fressen. Oder um es mit Horst Rehmann sachlich und Däumchen drehend zu sagen: „Bei mir ist die Geduld am Ende, ich stell auf mit Speck ´ne Falle, setz mich nur hin, falte die Hände, lass gescheh´n der Dinge alle.“ Ist das „Händefalten“ hier ein religiöser Akt oder doch viel eher Ausdruck maskuliner Entspanntheit („Lass gescheh’n der Dinge alle“) oder kann man gar beides gleichsetzen? Dies bleibt zunächst offen, wird aber noch gelöst.

Die Lösung in der sechsten Strophe nun ist einerseits onomatopoetisch ausgedrückt „Klick“, andererseits verschärft sie in ihrer Simplizität und der offenen Frage am Schluss auch die Fragen beim Leser: Welche Fragen stellt er sich? Geht es auch hier am Gedichtende um Gott und wie der es sieht, wenn Mann in seinem Keller eine Maus per Falle tötet („gebrochen ist nun ihr Genick“), wird ein Horst Rehman  jetzt auch zur effeminierten Brauner-Poetin? Geht es um Moral? In einem Rehmann-Werk?! Dreht Clint Eastwood Romantische Komödien?!

Umso größer ist die Erleichterung in der Schlussstrophe. Nicht Gott ist das Problem, sondern alleine die prosaische Entsorgung des Mäusekadavers. Ein Rehmann mag ein gefühlloser Killer sein, ein Praktiker des Tötens von Kleinsäugetieren, aber dabei übersieht er in seinem maskulinen Furor, was tun, wenn der Tod da ist? Rehmann weiß es nicht: „Was mach ich mit dem toten Tier, und wo soll ich es entsorgen, ich steh heut völlig ratlos hier.“ Sabine Brauner würde jetzt eine Nagetier-Beerdigung anleiern, sich mit anderen in einem Trauerkreis treffen, beim örtlichen Floristen einen Kranz bestellen, aber was tut ein Horst Rehmann? Oder besser: Was kann ein Horst Rehmann tun?! Die Antwort ist einfach wie die allmorgendliche Rasur: Horst Rehmann tut nichts, er findet keine Hilfe, er sucht keine Hilfe „auch noch Morgen“ nicht, denn als echter Mann macht man Mäusemord mit sich selber aus, schreibt vielleicht noch ein Gedicht darüber und hofft dann darauf, dass dieses dann auf Hochzeiten „an Silvester, Ostern [oder] Weihnachten die Herzen schmunzeln lässt, wenn es in entsprechend festlichem Rahmen vorgetragen wird.

Horst Rehmann, wir ziehen den Hut vor Ihnen. Ich weiß, sie brauchen keine Hilfe, aber wenn die Maus mittlerweile stinkt, dann schmeißen sie sie einfach in irgendeine Mülltonne.

Und hier noch einmal zum Gutfühlen Ihr Gedicht:

Die Maus
In meinem Keller rennt ´ne Maus,
über Schrank, Regal und Stangen,
wenn ich sie seh´, packt mich der Graus,
werd versuchen sie zu fangen.

Des Nachbarn Katze kommt grad´ recht,
sie kennt sich aus mit dem Getier
und fangen kann sie auch nicht schlecht,
soll deshelb schnell mal helfen hier.

Ich sperr sie in den Kellerraum,
hör laut Gepolter und Gejammer,
nach einer Stunde glaub ich´s kaum,
mein Keller gleicht ´ner Rumpelkammer.

Die Katz verschwindet wie der Blitz,
hat nur Chaos hinterlassen,
die Maus schaut aus ´nem Mauerschlitz,
zieht ganz spitzbübisch Grimassen.

Bei mir ist die Geduld am Ende,
ich stell auf mit Speck ´ne Falle,
setz mich nur hin, falte die Hände,
lass gescheh´n der Dinge alle.

Nach einer Weile geht´s laut, klick,
die Maus hängt fest am Kragen,
gebrochen ist nun ihr Genick
- und ich stell mir die Fragen.

Was mach ich mit dem toten Tier,
und wo soll ich es entsorgen,
ich steh heut völlig ratlos hier,
ohne Hilfe - auch noch Morgen.

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